KitschKrieg – Der abwegig gute Move (Text von Davide Bortot für „Das Wetter“ Magazin)

Kaum eine Musik klang in den letzten Monaten so klar und nah und wichtig wie die von KitschKrieg. Ihre Songs mit Trettmann und Haiyti sind von der Sorte kleiner Hits, bei der man sofort spürt, dass sie irgendwann noch viel größer sein werden. Dabei kamen die drei Mitglieder des Berliner Kollektivs aus einem gefühlten Nichts, das noch dunkler ist als ihre charakteristische Bildsprache. Ein Abend in Kreuzberg, wo Menschen wie Fizzle, Fiji Kris und °awhodat° schon immer fündig geworden sind auf der Suche nach neuem Leben.

Es ist ein Mittwochabend im März. Der Regen klatscht selbstverständlich auf das rissige Kopfsteinpflaster, so als wäre er immer schon dagewesen: große, wuchtige, auf vertraute Weise feindselige Tropfen. Drinnen schleppt sich, ein bisschen zu langsam, ein Dubtechno-Beat durch die Endlosschleife. Der Plattenladen Hardwax und die berühmte Schnittstelle Dubplates and Mastering, in denen dieses Genre einst geprägt wurde, sind nur zwei Blocks entfernt. Dennoch scheinen Lichtjahre dazwischen zu liegen. Es ist eine andere Zeit, eine andere Welt. Immer weiter lösen sich die Bezüge auf, mit jedem Durchlauf, jedem Takt, bis irgendwann nur noch Sound da ist. Ein Moll-Akkord, eine Kick, eine Bassline.

Der Beat kommt aus dem MacBook von Fiji Kris. Mit seiner ehemaligen Band Symbiz zettelte er bereits in den nuller Jahren Krawall an im heutigen Major-Lazer-Hoheitsgebiet zwischen Rave und Dancehall. Über das Auflegen lernte er irgendwann den DJ und Remixer Fizzle kennen, der seinerseits als SoulForce die Puristen aus der Reggae-Szene ärgerte. Viele Jahre später sitzt der nun im Schneidersitz auf seinem Bürostuhl in der als “die Seeed-Etage” bekannt gewordenen Studiokomplex in Kreuzberg und starrt regungslos auf die Bauklötzchen auf dem Bildschirm. Hinter ihm kniet Haiyti auf dem Boden, die Rapperin und Sängerin aus Hamburg. Mit einer erstaunlichen Ein-Finger-Technik hackt sie scheinbar zusammenhanglose Wörter in ihren Laptop. Ab und zu blickt sie auf, unterstreicht mit dem Zeigefinger Punchlines, die nur sie hört. Nach einer guten Viertelstunde steht sie plötzlich auf und geht ohne Ankündigung in die Aufnahmekabine: Die Wörter in ihrem Laptop haben sich wie von Geisterhand zu einem Song zusammengefügt. “Verloren im Crushed Ice / Auf der Suche nach Highlights / Das Leben, ich hab keins / Auch wenn du mir die Hand reichst”.

Auf der Couch im Eck des Studios saugt °awhodat° jede Silbe auf. Als Fotografin und Regisseurin ist sie das schwarz-weiße Auge von KitschKrieg, das dritte offizielle Mitglied mit einer nicht wichtig genug einzuschätzenden Doppelfunktion als Art Director und Vibesspürnase. Musik macht sie keine. Aber oft werden erst durch ihren Input aus Ideen und Skizzen fertige Songs. Fizzle ist in dieser Konstellation derjenige, der am engsten mit den Artists zusammenarbeitet. Während Haiyti einsingt, schickt er mit ruhiger Stimme vereinzelte Anweisungen in die Booth und regt ab und an Textänderungen an, wenn ein Bild in Schieflage zu geraten droht. Währenddessen bereitet Kris im Nebenraum den Beat für den nächsten Studiotag vor. Haiyti hat ihm beschrieben, was ihr vorschwebt, in Farben, wie meistens. Dieser Beat soll “golden” werden, und man wundert sich kein bisschen, dass er tatsächlich golden klingt. Jeder hier scheint auf magische Weise hochkonzentriert auf dasselbe Ziel.

“Eigentlich ist es das klassische Berlin-Szenario”, sagt Fiji Kris später bei Linsensuppe und Chai im Grillhaus. “Wir sind alle hier angekommen mit einer Geschichte. Alle über 30, alle schon mal was gemacht, alle Bock auf Neustart.” Und Fizzle ergänzt: “Ich kann verstehen, dass Leute hier ankommen und verloren gehen. Aber wenn man eine Gang hat und eine Aufgabe, dann ist es der perfekte Ort.” KitschKrieg haben eine Gang und sie haben eine Aufgabe: die Musik in diesem Land zu verändern.

Um kurz das mit der journalistischen Distanz zu klären: Ich manage Haiyti, mache Geschäfte mit KitschKrieg und bin Trettmann-Fan seit Tag eins. Diese Menschen, das sind meine Freunde. Sehr viel befangener geht also nicht, doch die Fakten sprechen für sich. Die von KitschKrieg angeleitete Transformation Trettmanns vom deutschen Dancehall-Direktor zum genialischen Trap-Troubadour ist eine der erstaunlicheren Geschichten, die das Pop-Jahr 2016 so zu bieten hatte. Parallel nahmen die drei eine ziemlich fantastische EP mit Haiyti auf, machten Songs mit Ufo361, Megaloh und dem letzten echten Punk, Joey Bargeld, und arbeiteten an gleich beiden Platin-Alben der Deutschrap-Saison, “Palmen aus Plastik” von Bonez MC & Raf Camora und “Advanced Chemistry” von den Beginnern. Im Dezember feierten sie ihren Abschussball im Berliner Prince Charles, bei dem Noisey nicht weniger als eine neue Jugendkultur ausgemacht haben wollte. Die Kollegen, die Presse, die Fans, alle am Raven.

Anfang 2016 noch war davon nichts, aber auch wirklich gar nichts zu spüren. Nachts saßen Fiji, Fizzle und °awhodat° am Küchentisch ihrer WG und kultivierten ihre persönlichen Sinnkrisen, die, gepaart mit handfesten Existenzängsten, erst zu einer kollektiven verschmolzen und sich schließlich zu neuer Hoffnung verkehrten. “Wir hatten alle den Blues”, erinnert sich Fiji an die Anfänge von KitschKrieg. “Jeder von uns war auf seine eigene Art und Weise an irgendetwas gescheitert. Wir waren richtig am Arsch. Erst im Laufe des Jahres haben wir zu neuer Lebensfreude gefunden.” Der Blues ist Teil der DNS von KitschKrieg. Selbst in den euphorischsten Momenten trägt ihre Kunst noch einen Rest Melancholie in sich. Der Song “120 Jahre” von Trettmann und Haiyti ist ein gutes Beispiel. Man kann dazu hervorragend zeitgemäße Hip-Hop-Bewegungen machen oder noch eine Runde Wodkashots vom Tresen ziehen. Man kann darin aber auch Nina Hagen und Udo Lindenberg hören, das Traurige, das Gelebte. Dass die beiden im Video vor dem Berghain tanzen, passt ins Bild. KitschKrieg-Musik ist Außenseiter-Musik im besten Sinne. Scheiß auf eure Party. Wir machen hier unsere eigene.

Wie die meisten guten Dinge im Leben, begann KitschKrieg mit einem Gefühl. Im Herbst 2015 erzählte mir Fizzle erstmals von seinen Plänen, damals noch mit dem Produzenten Teka als Kernmitglied und dem neuseeländischen Soulsänger Noah Slee als erstem Artist. Es gab da diese Beats und ein wenig Aufbruchstimmung. Ein paar Hip-Hop-Seiten hatten das Trettmann-Video “Was solls” mit Megaloh gepostet. Schön. Den Namen fanden alle gut: ein deutsches Wort, das auch Amis sagen und verstehen können. So richtig erschloss sich mir das Konzept dennoch nicht. Fizzle ging es, denke ich, ähnlich.

Erst durch die intensive Arbeit mit Trettmann verfestigte sich alles. Das Gefühl zu einer klaren künstlerischen Vision. Der basisdemokratische Jeder-macht-alles-Ansatz zu einer Liedermachmaschine von erstaunlicher Effizienz. Das Konzept des lose Kollektivs zu einer wasserdichten Crew. Trettmann war es auch, der entgegen aller Branchenusancen beschloss, seine EP-Serie zu nennen wie seine Producer – “der abwegig gute Move”, wie FIJI KRIS es heute beschreibt. Und Trettmann war es, der den Namen ein Jahr lang an jede Wand schrieb. Die Sache war ab jetzt eine Frage der Familienehre.

Wenn man sich die drei “KitschKrieg”-EPs mit etwas Abstand noch einmal anhört, wird klar, was das Jahr 2016 mit dieser Familie gemacht hat. Die erste EP noch hat etwas Dystopisches. “Skyline” ist ein Hit, aber er ist auch düster und letztlich ein klassischer Underdog-Song. Ihr da draußen, wir hier drinnen; ihr da oben, wir hier unten. Die zweite EP ist voller Stolz. Mein Team, alles Piraten, alles Raver, und wer seid ihr überhaupt? Die dritte EP schließlich klingt wie eine einzige Ehrenrunde: La Dolce Vita, mit Vapo im Mundwinkel. Fiji Kris: “Die Musik mit Tretti war stark inspiriert von Grime. Diese Idee, darüber zu schreiben, was jetzt gerade ist. Auch das ‘Keine neuen Freunde’-Ding ist keine Floskel. Das ist so. Wir brauchen das nicht. Weil wir alles selbst machen können. Und weil Kunst und Kunst machen nun mal eine andere Qualität haben, wenn man sich kennt und ein gemeinsames Ziel hat. Fizzle und °awhodat° wissen genau, welche Dämonen ich besiegen will.” “Alles echt” singt Trettmann. Es ist ein Grime-Song, der Riddim ist konzipiert als Hommage an Wiley und seinen Eskimo Dance. Zufälle sind einfach nicht so das Thema bei KitschKrieg.

So wie Grime und der nicht mehr für möglich gehaltenen Erfolg seiner Urväter taugt auch die Geschichte von KitschKrieg als Lehrstück. Die derzeitige Aufmerksamkeit mag plötzlich gekommen sein. Aber sie fußt auf einem jahrelangen Dauergrind und nicht zuletzt auf einem unerschütterlichen Glauben an die eigenen Prinzipien und Präferenzen. In diesem Fall ist das Soundsystem-Musik ohne Scheuklappen: Reggae als Lehrer, Dub als Technik, Dancehall als Haltung, aber eben nicht unbedingt als Ergebnis. Kingston, Atlanta, Lagos, Bristol, Paris, San Juan, Accra, Berlin, Bow, Brixton, Bushwick, Bronx, alles in einem Laptop, immer mit einem Sly & Robbie-Gedächtnisfokus auf die Drums und den Bass. Dass sich heutzutage Radiohits auf der ganzen Welt so anhören (und neuerdings sogar die Premiumboxeninhalte in Almanya) spielt KitschKrieg sicher in die Karten. Kalkuliert aber ist das nicht. So haben sie’s eben gelernt. “Ich habe als Kid in Braunschweig von einem Jamaikaner gezeigt bekommen, wie man produziert”, erinnert sich Fiji Kris. “Er meinte: Was wir hier tun, ist Dubbing. Du hast die Loops auf 16 Kanälen durchlaufen und machst deine Arrangements, indem du auf dem Mischpult Kanäle an- und ausschaltest. Das ist Reggae. Und Reggae hat Hip-Hop erfunden. Wenn man begriffen hat, dass das der Ursprung ist, ist es letztlich egal, ob das jetzt 140, 100 oder 80 bpm sind.”

Der andere dominante Einfluss in der Kunst von KitschKrieg ist das Düstere und Antithetische, das mit “Punk-Attitüde” etwas unzulänglich, aber doch zweckmäßig beschrieben ist. Dieser Einfluss ist vor allem °awhodat°s. Ihre Jugend waren Punkrock, New Wave und Crossover. Schon ganz früh fixte sie Fizzle mit Musik außerhalb des Dub-Kontinuums an. Wenn 15 Jahre später nun Joey Bargeld in der Booth steht und seine Texte zwischen Euphorie und Selbstzerstörung auf einen KitschKrieg-Banger ballaballert, schließt sich auch hier ein Kreis. “Meine Familie kommt aus Berlin, ich war als Kind viel hier. Ich kenne das alte, morbide, triste Ostberlin. Eigentlich wollte ich nie herziehen, aber wenn ich jetzt über den Mariannenplatz laufe und an ein altes Quetschenpaua-Tape denke und plötzlich alle Bezüge checke und dann abends Joey im Studio frei dreht, ergibt plötzlich alles einen Sinn.”

Das gilt auch und vor allem für ihre Fotos und Videos. Oft zeigen sie eher sinistre Situationen, die Schüsse sind notorisch unterbelichtet, die Gesichter oft verdeckt oder gar nicht zu sehen. Vermeintliche Stars als Komparsen der Realität. Immer ist alles schwarz-weiß, “ohne Filter”, wie Trettmann auf dem Song “Ehrenrunde” singt. Tatsächlich ist das visuelle Vokabular von °awhodat° eine Art Antithese zur Faktenfrisierkultur von Instagram und Co. Mehr als Inszenierungen interessieren sie Stimmungen und Geschichten, besonders solche, für die es noch keinen Hashtag gibt. “Sie hat ein Faible für Bekloppte und das Schöne im Unschönen”, sagt Fiji Kris. “Das, was die meisten Leute als kaputt oder falsch empfinden, darin sieht sie oft etwas Interessantes. Für ein Foto ist ja ganz entscheidend, wer es macht – gerade wenn man Portraits macht, denn der Fotografierte guckt den Fotografen an, und das beeinflusst massiv, wie er in diesem Moment aussieht. Ich glaube, das an ihren Bildern immer zu erkennen.”

 

 

So wichtig wie das Auslösen ist für °awhodat° daher die Frage, wann sie die Kamera eben nicht auspackt. Durch ihre Funktion im Team ist sie ohnehin oft im Studio. Das erlaubt ihr, in Ruhe ein Gefühl für die Menschen und die Dynamik im Raum entwickeln, ohne dass sich jemand über ihre Anwesenheit wunderte – und so auch jene Momente festzuhalten, in denen man üblicherweise keinen Fotografen dazuholen würde. “Für mich ist das sehr natürlich. Seit ich denken kann, habe ich eine Kamera dabei halte mein Leben für mich in einer Art Tagebuch fest. Ich liebe es einfach, durch die Straßen zu ziehen, eine Situation zu erkennen, drauf zu halten, bamm, fertig. Wenn ich Musiker fotografiere, ist es ähnlich. Ich will nie etwas aus ihnen machen, das sie gar nicht sind. Ich will einfach Stimmungen und Emotionen festhalten und ihre Geschichte erzählen. ”

Diese Geschichte ist das höchste Gut. Ihr ist letztlich alles untergeordnet, selbst die Musik. “Wie ein Foto, ein Musikvideo, ein Plattencover oder ein Text ist auch sie nur ein Mittel, um zu vermitteln, wie etwas gemeint ist, warum es geht”, sagt FIJI KRIS. Ein Mensch kommt in einer bestimmten Phase seines Lebens ins Studio und geht mit einem Song, einem EP, einem Album wieder heraus. Das klingt maximal banal. Aber es kann irrsinnig kompliziert sein. FIJI Kris, Fizzle und °awhodat° kennen diesen Knoten. Wie er nerven und drücken kann, bis er sich irgendwann anfühlt, als hielte er das Seil eines Henkers. Das Projekt KitschKrieg ist für sie auch eine große Knotenlösung, ein Schritt zurück zur Einfachheit.

Er habe neulich ein Buch über Bob Dylan gelesen, erzählt Fizzle. “Der hat 42 Alben gemacht oder so einen Kram. In dem Buch wird einfach beschrieben: In welche Situation hat er sich begeben und welche Musik ist dabei rausgekommen. Das ist eigentilch ein relativ einfacher Prozess, das muss man sich immer vor Augen führen. Wenn man immer nur die 70.000 Möglichkeiten sieht, die es heute gibt, kann das schnell zu einer nicht zu bewältigenden Monsteraufgabe werden. Aber das muss es nicht sein. Es geht einfach nur darum, den Wahnsinn einzufangen, ohne den Wahnsinn zu killen.” Was den Wahnsinn angeht: Bis zum Ende des Jahres sollen unter anderem das große Trettmann-Album erscheinen, mehr Musik mit Haiyti, eine EP mit Joey Bargeld und erstmals auch eigene Tracks von KitschKrieg als Band. Die Taktfrequenz bleibt hoch.

“Wir hatten viele krasse Momente im letzten Jahr”, sagt °awhodat° fast beiläufig auf dem Heimweg. Der Regen hat aufgehört, aber sein Film liegt noch trübe über dem Boden der Wiener Straße. Wie immer hier sieht es aus, als hätte irgendjemand vergessen, irgendetwas wegzuräumen. “Wir hatten zu jeder Zeit das Gefühl, dass sich innerhalb von 24 Stunden alles verändern kann. Nur weil wir einander vertraut und das zugelassen haben, ist das alles so passiert. Ich bin morgens mit einem Konzept für das ‘Messer’-Video zu Haiyti nach Hamburg gefahren. Abends bin ich zurückgekommen, ohne dass irgendwas davon geklappt hätte. Dafür hatte Joey plötzlich ein Messer-Tattoo unterm Herz – von Haiyti, die noch nie zuvor tätowiert hat.”

Natürlich ist das Video besser geworden, als es sich irgendjemand vorgestellt hatte.