About

KitschKrieg – KitschKrieg (Album 07.08.2020 // SoulForce Records)

Ich weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat. Jeder, der da war, weiß das, und es waren ja alle da, zumindest die, die immer da sind. Die Schlange vor dem Prince Charles ging bis zurStraße, die Kapuzen tief ins Gesicht, weil Winter war und die Luft kalt. Alle wollten Gästeliste rein, Standard: ein Donnerstagabend in Kreuzberg. Und doch war etwas anders an diesem Abend. Es war diese Aufregung in der Luft, dieses Gefühl von heute Nacht und ganz genau hier. Die Energie war überall, hinten im kleinen, cola verklebten Backstageraum, wo jemand allen Ernstes versuchte, eine Setlist zu verteilen, und vorne bei den, naja, Fans. Da waren tatsächlich: Fans. Die oben auf dem kleinen Podest – das sich damals, im Dezember2016, wie die ganz große Bühne anfühlte – wirkten ein wenig überfordert. Die unten im Clubaber waren glücklich und ein bisschen stolz: eine wilde Gemengelage aus Ekstase, Zusammensein und dem diffusen Gefühl von Gerechtigkeit. Hier gewinnen gerade die richtigen, und ich bin ein Teil davon. Wir sind alle ein Teil davon.

Man sei Teil einer Jugendbewegung geworden, schrieb am nächsten Morgen jemand ins Internet. Das ist nicht ganz richtig. An diesem Abend, an dem KitschKrieg erstmals zusammen ihre Musik aufführten, ist mehr entstanden als eine Jugendbewegung. An diesem Abend ist Hoffnung entstanden.

Nichts und niemand sonst hat in den letzten Jahren mehr Eindruck auf die Musikkultur in diesem Land hinterlassen als KitschKrieg. Der reduzierte Sound. Die Bilder in Schwarz und Weiß. Das DIY-Ding. Diese ganze Idee, selten ein Gesicht, dafür umso mehr von sich selbst zu zeigen. KitschKrieg haben nie mehr gesagt, als nötig war, und wahrscheinlich ist genau das der Grund dafür, dass ihnen alle zuhörten. Ihre Songs sind geblieben, fast wie zum Trotz. Es gibt inzwischen ja dieses Ritual, immer wieder donnerstags, wenn man um 23:59 Uhr die neue Musik checkt und dabei alles Mögliche findet, nur keine neue Musik. KitschKrieg haben an dieser zynischen Tombola um Positionen, Plays und Parra nie teilgenommen. Sie haben einfach nur die Musik gemacht, die sie in sich gefunden haben, als es um sie herum so leise war, dass man sie nicht mehr überhören konnte. Damit schafften sie es auf Platz eins der Charts, bekamen Platin und die Preise, die man so bekommen kann. Es war bestimmt nicht ihr Plan. Aber sie haben gezeigt, dass es gehen kann. Sogar dann, wenn wirklich gar nichts mehr geht.

KitschKriegs erstaunlicher Weg vom WG-Projekt zum wichtigsten Phänomen der jüngeren deutschen Popgeschichte ist inzwischen wohl dokumentiert. Sie haben ihn in zahlreichen Interviews nacherzählt, von Symbiz und SoulForce, von Braunschweig und Krefeld und Köln nach Kreuzberg, dorthin, wo die Welt ist. Man kennt auch die Bilder: Splash! schwarz-weiß, alles schwarz-weiß. Trotzdem bleiben sie auf eine merkwürdige Weise irreal, so unwahrscheinlich war und ist dieser Siegeszug. Vor allem das Bild vom Splash! 2019 wird bleiben: ein ganzes Festival vor einer Bühne, eine gigantische, ganz und gar entwaffnende Entladung ehrlich empfundener Liebe. Es konnte zwar niemand präzise benennen in dieser Nacht, aber dafür konnten es alle ganz genau spüren: dass hier etwas Besonderes passiert ist. Nachdem Trettmann zum Star wurde, hätten seine Produzenten ziemlich genau alles machen können, was die sogenannte Industrie so hergibt, gerne auch mit einer zusätzlichen Null hinter dem Komma. Aber Freiheit hat viel damit zu tun, sich den Vorstellungen und Erwartungen Anderer zu entziehen. KitschKrieg haben sich das alles angesehen und dann beschlossen, ihr eigenes Album zu machen. Weil sie sich immer schon jeder Lieferlogik entzogen und eher wie eine Band gedacht haben – wenn auch in der ungewöhnlichen Besetzung Laptop, Levels, Linse und kollektive emotionale Oberaufsicht.

In einem unserer vielen Gespräche darüber, wie es weitergehen kann, wenn man plötzlich amZiel ist, hat mir Fizzle einmal gesagt, das KitschKrieg-Album sei “die Essenz dessen, was man in den letzten Jahr gelernt hat” und gleichzeitig “der nächste Schritt”. Ich glaube, er hat in dem Augenblick nicht groß darüber nachgedacht. Es war eher eine Antwort aus Verlegenheit, aus der Perspektive dieser leicht unscharfen Phase, in der die Puzzlestücke langsam zueinander finden, sich alles zu fügen und man zu fühlen beginnt: dass hier wieder etwas Besonderes passiert. Dennoch ist viel Wahrheit in diesen Worten. “KitschKrieg” ist in vielerlei Hinsicht, was KitschKrieg immer schon gemacht haben. Aber ist es intensiver, tiefer irgendwie, auch radikaler: der Rausch heftiger, der Blues finsterer. Es gibt ein paar neue Akzente, eine lose Rave-Energie zum Beispiel, die sich durch viele der Song zieht, und einpaar Gastmusiker, die man in ihrem Kosmos eher nicht erwartet hätte: Nena, Bilderbuch, Modeselektor, Jan Delay auf Autotune oder der verdammte World Boss höchstpersönlich. Die essentiellen Fragen aber sind dieselben geblieben, seit der WG, seit “KK1”: Wenn Quincy Jones oder Bob Dylan über die DNS eines guten Songs nachdenken, was heißt das für uns? Und was ist möglich, wenn man sich traut, das wirklich zu Ende zu denken, es zumachen?

Man braucht da nicht drumherumreden. KitschKrieg sind in die Phase eingetreten, in denen typischerweise die Vorschüsse und die Kompromisse rein kicken, die Musik irgendwie besser und gleichzeitig egaler wird. Es ist vielleicht ihr größter Verdienst, dass sie sich dieserDynamik einfach verweigert haben. Freiheit hat auch damit zu tun, die vermeintlich vernünftigen Entscheidungen nicht zu treffen und stattdessen ein bisschen genauer hinzugucken. Musik und die Arbeit daran hatten immer eine therapeutische Wirkung fürKitschKrieg, in einem sehr handfesten Sinn: die täglichen Abläufe im Studio, das Definieren und Justieren von Prozessen, die ständige Auseinandersetzung mit dem eigenen Schaffen. Was ist das eigentlich, was wir hier machen? Und was soll es werden, wenn es fertig ist? Es hat in Deutschrap-Deutschland schon viele Produzentenalben gegeben. Ein paar waren ganz gut, viele eher schlecht, die allermeisten einfach komplett egal: ein paar Beats und ein paar Freunde, die halt gerade Zeit und ein paar Reime übrig hatten. Auf “KitschKrieg” dagegen ist jeder Song im wahrsten Sinne des Wortes essentiell: der Wesenskern eines Moments, eines Genres, einer Idee. Geiler Rapscheiß unter den Vorzeichen von Grime und Trap. Das Gipfeltreffen von Peter Fox und seinem Statthalter im Streaming jetzt, Trettmann. Der perfekte Popsong über das Ungeheuer unter deinem Bett, vor dem du nur so lange Angst hast, bis du es umarmst. Das Feature, das Drake nicht bekommen hat. Asoziale Gangstamucke, die noch asozialer ist als all die andere asoziale Gangstamucke da draußen. Ein utopisches Liebeslied, das alles Komplizierte aus der kompliziertesten Sache der Welt nimmt. Die helle Seite der Macht. Die dunkle Seite der Nacht. All das klingt leicht und heavy und so selbstverständlich wie wenig sonst in diesem Land, das immer schon gerne kopiert und in all der Formtreue das eigentliche Thema verfehlt hat. “KitschKrieg” ist Musik über die Welt und ein bisschen auch über KitschKrieg selbst: in vielen, vielen Runden verdichtet, auseinandergenommen und so rekonstruiert, dass es neuen Sinn stiftet.

KITSCHKRIEG

Kleiner Witz: Treffen sich Walter Gropius, Rick Rubin und King Tubby im Görli. Sagt der eine… Okay, ernsthaft jetzt: Die Klischees von Bauhaus und neuem Bauen, Minimalismus und dem Mischpult als Instrument sind oft benutzt und mindestens genauso häufig missbraucht worden. In der Kunst von KitschKrieg aber laufen diese kulturellen Traditionslinien tatsächlich auf sehr natürliche Weise zusammen. °Awhodat°, Fiji Kris und Fizzle haben diesen Gedanken immer hochgehalten: dass eine Idee besondere Kraft entfaltet, wenn sie von allem Beiwerk und Ballast befreit ist, wenn eine Bassline direkt in den Magen und ein Wort direkt ins Herz ballert. Auf “KitschKrieg” denken sie diesen Gedankenkonsequent zu Ende. Einflüsse von Dub bis Drill, Afrobeats bis Afterhour treffen auf zeitloses Songwriting und ein radikales Gebot zur maximalen Reduktion: digitale Soundsystemmusik mit der Energie von Trap und Techno, voll subtiler Melancholie und einem unbeirrbaren Glauben an das musikalische Weiter.

Es ist ein Mittwochabend im Mai. Draußen ist es still, Corona hat sogar Kreuzberg lahmgelegt. Drinnen wummert, ein bisschen zu langsam, eine Art Reggaeton-Dub-Riddimdurch den Raum, der an diesem Abend noch isolierter wirkt, als Studios es ohnehin tun. Es sind unwirkliche Wochen, in denen alles plötzlich aufhörte, nur – natürlich – nicht die Musik. Ich blicke mich um. Mir fällt auf, wie karg der Raum ist. Zwei sorgsam kalibrierte ATC-Boxen, ein Tisch, darauf ein Laptop, dazu eine Ledercouch für Gäste, von denen ganz offensichtlich nicht viele kommen. Es gibt keine Memorabilia, einzig auf dem Boden neben dem Sofa lehnt gleichgültig irgendeine Goldenen an der Wand, als hätte sie jemand vergessen. Der Raum könnte kalt wirken, aber die Musik macht ihn warm: diese Idee, wie sich Geschichte weiterspinnt. Die Soundsystems in Kingston. Der Beat, der nach Panama,Puerto Rico und Kolumbien kam und schließlich um die Welt ging, weil es das Internet undMillionen Raver so wollten, bis nach Kreuzberg. Er klingt wie eine Erinnerung und gleichzeitig komplett neu. Boom-ch-boom-chick. Clash und Klarheit, Seele und Struktur,Loops und Leben, ewige Nacht und neues Licht. Weil es immer weitergeht. Let’s push thingsforward. Standard.

KitschKrieg – Der abwegig gute Move (Text von Davide Bortot für „Das Wetter“ Magazin)

KITSCHKRIEG

Kaum eine Musik klang in den letzten Monaten so klar und nah und wichtig wie die von KitschKrieg. Ihre Songs mit Trettmann und Haiyti sind von der Sorte kleiner Hits, bei der man sofort spürt, dass sie irgendwann noch viel größer sein werden. Dabei kamen die drei Mitglieder des Berliner Kollektivs aus einem gefühlten Nichts, das noch dunkler ist als ihre charakteristische Bildsprache. Ein Abend in Kreuzberg, wo Menschen wie Fizzle, Fiji Kris und °awhodat° schon immer fündig geworden sind auf der Suche nach neuem Leben.

Es ist ein Mittwochabend im März. Der Regen klatscht selbstverständlich auf das rissige Kopfsteinpflaster, so als wäre er immer schon dagewesen: große, wuchtige, auf vertraute Weise feindselige Tropfen. Drinnen schleppt sich, ein bisschen zu langsam, ein Dubtechno-Beat durch die Endlosschleife. Der Plattenladen Hardwax und die berühmte Schnittstelle Dubplates and Mastering, in denen dieses Genre einst geprägt wurde, sind nur zwei Blocks entfernt. Dennoch scheinen Lichtjahre dazwischen zu liegen. Es ist eine andere Zeit, eine andere Welt. Immer weiter lösen sich die Bezüge auf, mit jedem Durchlauf, jedem Takt, bis irgendwann nur noch Sound da ist. Ein Moll-Akkord, eine Kick, eine Bassline.

Der Beat kommt aus dem MacBook von Fiji Kris. Mit seiner ehemaligen Band Symbiz zettelte er bereits in den nuller Jahren Krawall an im heutigen Major-Lazer-Hoheitsgebiet zwischen Rave und Dancehall. Über das Auflegen lernte er irgendwann den DJ und Remixer Fizzle kennen, der seinerseits als SoulForce die Puristen aus der Reggae-Szene ärgerte. Viele Jahre später sitzt der nun im Schneidersitz auf seinem Bürostuhl in der als “die Seeed-Etage” bekannt gewordenen Studiokomplex in Kreuzberg und starrt regungslos auf die Bauklötzchen auf dem Bildschirm. Hinter ihm kniet Haiyti auf dem Boden, die Rapperin und Sängerin aus Hamburg. Mit einer erstaunlichen Ein-Finger-Technik hackt sie scheinbar zusammenhanglose Wörter in ihren Laptop. Ab und zu blickt sie auf, unterstreicht mit dem Zeigefinger Punchlines, die nur sie hört. Nach einer guten Viertelstunde steht sie plötzlich auf und geht ohne Ankündigung in die Aufnahmekabine: Die Wörter in ihrem Laptop haben sich wie von Geisterhand zu einem Song zusammengefügt. “Verloren im Crushed Ice / Auf der Suche nach Highlights / Das Leben, ich hab keins / Auch wenn du mir die Hand reichst”.

Auf der Couch im Eck des Studios saugt °awhodat° jede Silbe auf. Als Fotografin und Regisseurin ist sie das schwarz-weiße Auge von KitschKrieg, das dritte offizielle Mitglied mit einer nicht wichtig genug einzuschätzenden Doppelfunktion als Art Director und Vibesspürnase. Musik macht sie keine. Aber oft werden erst durch ihren Input aus Ideen und Skizzen fertige Songs. Fizzle ist in dieser Konstellation derjenige, der am engsten mit den Artists zusammenarbeitet. Während Haiyti einsingt, schickt er mit ruhiger Stimme vereinzelte Anweisungen in die Booth und regt ab und an Textänderungen an, wenn ein Bild in Schieflage zu geraten droht. Währenddessen bereitet Kris im Nebenraum den Beat für den nächsten Studiotag vor. Haiyti hat ihm beschrieben, was ihr vorschwebt, in Farben, wie meistens. Dieser Beat soll “golden” werden, und man wundert sich kein bisschen, dass er tatsächlich golden klingt. Jeder hier scheint auf magische Weise hochkonzentriert auf dasselbe Ziel.

KITSCHKRIEG

 “Eigentlich ist es das klassische Berlin-Szenario”, sagt Fiji Kris später bei Linsensuppe und Chai im Grillhaus. “Wir sind alle hier angekommen mit einer Geschichte. Alle über 30, alle schon mal was gemacht, alle Bock auf Neustart.” Und Fizzle ergänzt: “Ich kann verstehen, dass Leute hier ankommen und verloren gehen. Aber wenn man eine Gang hat und eine Aufgabe, dann ist es der perfekte Ort.” KitschKrieg haben eine Gang und sie haben eine Aufgabe: die Musik in diesem Land zu verändern.

Um kurz das mit der journalistischen Distanz zu klären: Ich manage Haiyti, mache Geschäfte mit KitschKrieg und bin Trettmann-Fan seit Tag eins. Diese Menschen, das sind meine Freunde. Sehr viel befangener geht also nicht, doch die Fakten sprechen für sich. Die von KitschKrieg angeleitete Transformation Trettmanns vom deutschen Dancehall-Direktor zum genialischen Trap-Troubadour ist eine der erstaunlicheren Geschichten, die das Pop-Jahr 2016 so zu bieten hatte. Parallel nahmen die drei eine ziemlich fantastische EP mit Haiyti auf, machten Songs mit Ufo361, Megaloh und dem letzten echten Punk, Joey Bargeld, und arbeiteten an gleich beiden Platin-Alben der Deutschrap-Saison, “Palmen aus Plastik” von Bonez MC & Raf Camora und “Advanced Chemistry” von den Beginnern. Im Dezember feierten sie ihren Abschussball im Berliner Prince Charles, bei dem Noisey nicht weniger als eine neue Jugendkultur ausgemacht haben wollte. Die Kollegen, die Presse, die Fans, alle am Raven.

Anfang 2016 noch war davon nichts, aber auch wirklich gar nichts zu spüren. Nachts saßen Fiji, Fizzle und °awhodat° am Küchentisch ihrer WG und kultivierten ihre persönlichen Sinnkrisen, die, gepaart mit handfesten Existenzängsten, erst zu einer kollektiven verschmolzen und sich schließlich zu neuer Hoffnung verkehrten. “Wir hatten alle den Blues”, erinnert sich Fiji an die Anfänge von KitschKrieg. “Jeder von uns war auf seine eigene Art und Weise an irgendetwas gescheitert. Wir waren richtig am Arsch. Erst im Laufe des Jahres haben wir zu neuer Lebensfreude gefunden.” Der Blues ist Teil der DNS von KitschKrieg. Selbst in den euphorischsten Momenten trägt ihre Kunst noch einen Rest Melancholie in sich. Der Song “120 Jahre” von Trettmann und Haiyti ist ein gutes Beispiel. Man kann dazu hervorragend zeitgemäße Hip-Hop-Bewegungen machen oder noch eine Runde Wodkashots vom Tresen ziehen. Man kann darin aber auch Nina Hagen und Udo Lindenberg hören, das Traurige, das Gelebte. Dass die beiden im Video vor dem Berghain tanzen, passt ins Bild. KitschKrieg-Musik ist Außenseiter-Musik im besten Sinne. Scheiß auf eure Party. Wir machen hier unsere eigene.

Wie die meisten guten Dinge im Leben, begann KitschKrieg mit einem Gefühl. Im Herbst 2015 erzählte mir Fizzle erstmals von seinen Plänen, damals noch mit dem Produzenten Teka als Kernmitglied und dem neuseeländischen Soulsänger Noah Slee als erstem Artist. Es gab da diese Beats und ein wenig Aufbruchstimmung. Ein paar Hip-Hop-Seiten hatten das Trettmann-Video “Was solls” mit Megaloh gepostet. Schön. Den Namen fanden alle gut: ein deutsches Wort, das auch Amis sagen und verstehen können. So richtig erschloss sich mir das Konzept dennoch nicht. Fizzle ging es, denke ich, ähnlich.

Erst durch die intensive Arbeit mit Trettmann verfestigte sich alles. Das Gefühl zu einer klaren künstlerischen Vision. Der basisdemokratische Jeder-macht-alles-Ansatz zu einer Liedermachmaschine von erstaunlicher Effizienz. Das Konzept des lose Kollektivs zu einer wasserdichten Crew. Trettmann war es auch, der entgegen aller Branchenusancen beschloss, seine EP-Serie zu nennen wie seine Producer – “der abwegig gute Move”, wie FIJI KRIS es heute beschreibt. Und Trettmann war es, der den Namen ein Jahr lang an jede Wand schrieb. Die Sache war ab jetzt eine Frage der Familienehre.

KITSCHKRIEG ALL LOGO

 Wenn man sich die drei “KitschKrieg”-EPs mit etwas Abstand noch einmal anhört, wird klar, was das Jahr 2016 mit dieser Familie gemacht hat. Die erste EP noch hat etwas Dystopisches. “Skyline” ist ein Hit, aber er ist auch düster und letztlich ein klassischer Underdog-Song. Ihr da draußen, wir hier drinnen; ihr da oben, wir hier unten. Die zweite EP ist voller Stolz. Mein Team, alles Piraten, alles Raver, und wer seid ihr überhaupt? Die dritte EP schließlich klingt wie eine einzige Ehrenrunde: La Dolce Vita, mit Vapo im Mundwinkel. Fiji Kris: “Die Musik mit Tretti war stark inspiriert von Grime. Diese Idee, darüber zu schreiben, was jetzt gerade ist. Auch das ‘Keine neuen Freunde’-Ding ist keine Floskel. Das ist so. Wir brauchen das nicht. Weil wir alles selbst machen können. Und weil Kunst und Kunst machen nun mal eine andere Qualität haben, wenn man sich kennt und ein gemeinsames Ziel hat. Fizzle und °awhodat° wissen genau, welche Dämonen ich besiegen will.” “Alles echt” singt Trettmann. Es ist ein Grime-Song, der Riddim ist konzipiert als Hommage an Wiley und seinen Eskimo Dance. Zufälle sind einfach nicht so das Thema bei KitschKrieg.

So wie Grime und der nicht mehr für möglich gehaltenen Erfolg seiner Urväter taugt auch die Geschichte von KitschKrieg als Lehrstück. Die derzeitige Aufmerksamkeit mag plötzlich gekommen sein. Aber sie fußt auf einem jahrelangen Dauergrind und nicht zuletzt auf einem unerschütterlichen Glauben an die eigenen Prinzipien und Präferenzen. In diesem Fall ist das Soundsystem-Musik ohne Scheuklappen: Reggae als Lehrer, Dub als Technik, Dancehall als Haltung, aber eben nicht unbedingt als Ergebnis. Kingston, Atlanta, Lagos, Bristol, Paris, San Juan, Accra, Berlin, Bow, Brixton, Bushwick, Bronx, alles in einem Laptop, immer mit einem Sly & Robbie-Gedächtnisfokus auf die Drums und den Bass. Dass sich heutzutage Radiohits auf der ganzen Welt so anhören (und neuerdings sogar die Premiumboxeninhalte in Almanya) spielt KitschKrieg sicher in die Karten. Kalkuliert aber ist das nicht. So haben sie’s eben gelernt. “Ich habe als Kid in Braunschweig von einem Jamaikaner gezeigt bekommen, wie man produziert”, erinnert sich Fiji Kris. “Er meinte: Was wir hier tun, ist Dubbing. Du hast die Loops auf 16 Kanälen durchlaufen und machst deine Arrangements, indem du auf dem Mischpult Kanäle an- und ausschaltest. Das ist Reggae. Und Reggae hat Hip-Hop erfunden. Wenn man begriffen hat, dass das der Ursprung ist, ist es letztlich egal, ob das jetzt 140, 100 oder 80 bpm sind.”

Der andere dominante Einfluss in der Kunst von KitschKrieg ist das Düstere und Antithetische, das mit “Punk-Attitüde” etwas unzulänglich, aber doch zweckmäßig beschrieben ist. Dieser Einfluss ist vor allem °awhodat°s. Ihre Jugend waren Punkrock, New Wave und Crossover. Schon ganz früh fixte sie Fizzle mit Musik außerhalb des Dub-Kontinuums an. Wenn 15 Jahre später nun Joey Bargeld in der Booth steht und seine Texte zwischen Euphorie und Selbstzerstörung auf einen KitschKrieg-Banger ballaballert, schließt sich auch hier ein Kreis. “Meine Familie kommt aus Berlin, ich war als Kind viel hier. Ich kenne das alte, morbide, triste Ostberlin. Eigentlich wollte ich nie herziehen, aber wenn ich jetzt über den Mariannenplatz laufe und an ein altes Quetschenpaua-Tape denke und plötzlich alle Bezüge checke und dann abends Joey im Studio frei dreht, ergibt plötzlich alles einen Sinn.”

Das gilt auch und vor allem für ihre Fotos und Videos. Oft zeigen sie eher sinistre Situationen, die Schüsse sind notorisch unterbelichtet, die Gesichter oft verdeckt oder gar nicht zu sehen. Vermeintliche Stars als Komparsen der Realität. Immer ist alles schwarz-weiß, “ohne Filter”, wie Trettmann auf dem Song “Ehrenrunde” singt. Tatsächlich ist das visuelle Vokabular von °awhodat° eine Art Antithese zur Faktenfrisierkultur von Instagram und Co. Mehr als Inszenierungen interessieren sie Stimmungen und Geschichten, besonders solche, für die es noch keinen Hashtag gibt. “Sie hat ein Faible für Bekloppte und das Schöne im Unschönen”, sagt Fiji Kris. “Das, was die meisten Leute als kaputt oder falsch empfinden, darin sieht sie oft etwas Interessantes. Für ein Foto ist ja ganz entscheidend, wer es macht – gerade wenn man Portraits macht, denn der Fotografierte guckt den Fotografen an, und das beeinflusst massiv, wie er in diesem Moment aussieht. Ich glaube, das an ihren Bildern immer zu erkennen.”

KITSCHKRIEG MOOD

 So wichtig wie das Auslösen ist für °awhodat° daher die Frage, wann sie die Kamera eben nicht auspackt. Durch ihre Funktion im Team ist sie ohnehin oft im Studio. Das erlaubt ihr, in Ruhe ein Gefühl für die Menschen und die Dynamik im Raum entwickeln, ohne dass sich jemand über ihre Anwesenheit wunderte – und so auch jene Momente festzuhalten, in denen man üblicherweise keinen Fotografen dazuholen würde. “Für mich ist das sehr natürlich. Seit ich denken kann, habe ich eine Kamera dabei halte mein Leben für mich in einer Art Tagebuch fest. Ich liebe es einfach, durch die Straßen zu ziehen, eine Situation zu erkennen, drauf zu halten, bamm, fertig. Wenn ich Musiker fotografiere, ist es ähnlich. Ich will nie etwas aus ihnen machen, das sie gar nicht sind. Ich will einfach Stimmungen und Emotionen festhalten und ihre Geschichte erzählen.”

Diese Geschichte ist das höchste Gut. Ihr ist letztlich alles untergeordnet, selbst die Musik. “Wie ein Foto, ein Musikvideo, ein Plattencover oder ein Text ist auch sie nur ein Mittel, um zu vermitteln, wie etwas gemeint ist, warum es geht”, sagt FIJI KRIS. Ein Mensch kommt in einer bestimmten Phase seines Lebens ins Studio und geht mit einem Song, einem EP, einem Album wieder heraus. Das klingt maximal banal. Aber es kann irrsinnig kompliziert sein. FIJI Kris, Fizzle und °awhodat° kennen diesen Knoten. Wie er nerven und drücken kann, bis er sich irgendwann anfühlt, als hielte er das Seil eines Henkers. Das Projekt KitschKrieg ist für sie auch eine große Knotenlösung, ein Schritt zurück zur Einfachheit.

Er habe neulich ein Buch über Bob Dylan gelesen, erzählt Fizzle. “Der hat 42 Alben gemacht oder so einen Kram. In dem Buch wird einfach beschrieben: In welche Situation hat er sich begeben und welche Musik ist dabei rausgekommen. Das ist eigentilch ein relativ einfacher Prozess, das muss man sich immer vor Augen führen. Wenn man immer nur die 70.000 Möglichkeiten sieht, die es heute gibt, kann das schnell zu einer nicht zu bewältigenden Monsteraufgabe werden. Aber das muss es nicht sein. Es geht einfach nur darum, den Wahnsinn einzufangen, ohne den Wahnsinn zu killen.” Was den Wahnsinn angeht: Bis zum Ende des Jahres sollen unter anderem das große Trettmann-Album erscheinen, mehr Musik mit Haiyti, eine EP mit Joey Bargeld und erstmals auch eigene Tracks von KitschKrieg als Band. Die Taktfrequenz bleibt hoch.

“Wir hatten viele krasse Momente im letzten Jahr”, sagt °awhodat° fast beiläufig auf dem Heimweg. Der Regen hat aufgehört, aber sein Film liegt noch trübe über dem Boden der Wiener Straße. Wie immer hier sieht es aus, als hätte irgendjemand vergessen, irgendetwas wegzuräumen. “Wir hatten zu jeder Zeit das Gefühl, dass sich innerhalb von 24 Stunden alles verändern kann. Nur weil wir einander vertraut und das zugelassen haben, ist das alles so passiert. Ich bin morgens mit einem Konzept für das ‘Messer’-Video zu Haiyti nach Hamburg gefahren. Abends bin ich zurückgekommen, ohne dass irgendwas davon geklappt hätte. Dafür hatte Joey plötzlich ein Messer-Tattoo unterm Herz – von Haiyti, die noch nie zuvor tätowiert hat.”

Natürlich ist das Video besser geworden, als es sich irgendjemand vorgestellt hatte.

KitschKrieg

At first glance, it might seem like KitschKrieg went from zero to a hundred real quick. Just over a year after their formation, the trio of producers Fizzle, FIJI KRIS and visual mastermind °awhodat° have already left an indelible mark on the German music landscape. They steered the reboot of dancehall pioneer Trettmann as a genius post-everything crooner. They shaped the sound of trap sensation Haiyti (who has been described as “Falco sounding like Nina Hagen” by leading weekly DieZeit). They cooked up heat for some of the country’s best MCs, from Megaloh to Ufo361 to “the last punk standing,” Joey Bargeld. And they had a hand in both of 2016’s platinum-selling Deutschrap albums, Advanced Chemistry by Beginner and Palmen aus Plastik by Bonez MC & Raf Camora – all with a strict family first ethos that’s somewhat reminiscent of the UK grime scene. Ask your favourite rapper’s favourite rapper and your favourite magazine’s end-of-year list: it’s KK season.

KITSCHKRIEG

 Their success doesn’t come out of nowhere, though. Individually, both Fizzle and FIJI KRIS have been grinding behind the decks and mixing consoles for more than 15 years, crafting no-holds-barred mixtapes with Jr. Blender (long before he became Diplo’s right studio hand) and tearing open-minded dancefloors apart with global bass outfit Symbiz, respectively. Throughout all those years, they kept their integrity and independence intact, tirelessly waving the flag for the soundsystem culture that shaped them. Fast forward to 2017, their sound now sits at the bleeding edge of future-minded pop.

KitschKrieg occupy a fascinating in-between space. They learned all the lessons the analogue era had on offer and are now setting the pace for the streaming age. They always put an artist’s personality front and center, aiming to tell their stories in the best possible way, but still managed to mould a trademark sound that’s totally and unmistakably their own. They go deep and they move fast. KitschKrieg are producers, in the truest sense of the term – armed with nothing but their laptops and a keen ear for that new new from London to Lagos; rooted in the murky of Berlin-Kreuzberg and aiming for no less than the world.