Trettmann ist eine Ausnahmeerscheinung. Niemand klingt wie der Sänger aus Leipzig, der eigentlich schon aufgegeben hatte und sich dann noch einmal neu erfand: als Trap-Troubadour mit dem Blues im Herzen. Er hat deutsche Popmusik damit geprägt. Nun erscheint das erste Album seit seiner Reinkarnation. “DIY” verdichtet auf zehn Songs, was Trettmann zu dem Menschen und Musiker gemacht hat, der er heute ist.

 

 

“#DIY” beginnt mit einem Ende. “Nichts ging mehr, denn ich war schon tot,” singt Trettmann im Intro . Das klingt dramatisch und beschreibt doch akkurat, an welchem Punkt er im Sommer 2015 war, aufgerieben von Jahren zwischen Leidenschaft und Lebensrealität, müde davon, einen Traum zu jagen, der immer weiter verblasst. Was dann passierte, gehört zu den erstaunlichsten Geschichten der jüngeren deutschen Pophistorie. Trettmann fuhr nach Berlin und machte mit ein paar alten Bekannten ein Lied: halb zum Spaß, halb therapeutisch, vielleicht auch einfach, weil er muss. Es fühlte sich richtig an. Also machten sie noch ein Lied und noch eines und dann noch eines. Bis plötzlich alles anders war.

2016 erschienen schließlich gleich drei EPs, die sich mit Fug und Recht unter “gefeiert” verhandeln lassen. Dazu kamen mehrere Gastauftritte auf dem Platin-Album “Palmen aus Plastik” sowie Features mit der halben deutschen Rap-Elite, von Megaloh bis Ufo361. Die notorische Auskennerplattform All Good erklärte ihn zum Artist des Jahres. Trettmann ging auf seine erste Deutschland-Tournee. Sie war ausverkauft. In diesem Prozess formte sich aus den erwähnten Berliner Bekannten das Kollektiv KitschKrieg, das damals in einem ähnlich tiefen Tal steckte und heute, keine zwei Jahre später, deutscher Popmusik den Weg weist, mit Produktionen für unter anderem Haiyti, die Beginner, Bonez MC & Raf Camora und eben Trettmann. Vor allem aber formte sich ein neuer Sound, eine neue Identität für einen, der eigentlich schon aufgegeben hatte. Der Post-Alles-Crooner aus der Cloud.

 

 

Der Trap-Troubadour mit dem Blues im Herzen. Der Lieblingssänger deiner Lieblingsrapper: Gzuz, Marteria, Jan Delay, Sido, Samy Deluxe, sie alle zogen öffentlich den Hut vor dem Mann, der klingt wie nichts und niemand sonst.

Es mag ein Klischee sein, aber Trettmann ist tatsächlich ein Unikat. Ein Mann Anfang vierzig, der als Kind den Jazz von Billie Holiday und den Soul von Marvin Gaye aufsog und daraus im Hier und Jetzt die fresheste Popmusik unserer Zeit formt. Ein waschechter Veteran, der jahrelang unterm Radar segelte und nun Millionen auf dem Klick-Konto sammelt, ohne Lobby, ohne offensichtliche Vorbilder, ohne Verrenkungen. Solche Karrieren sind im Pop-Betrieb eigentlich nicht vorgesehen. Trettmann aber ist immer schon ein Träumer im besten Sinne gewesen, ein Romantiker und Überzeugungstäter, der nie eingesehen hat, warum er die Ideen anderer als für sich gegeben akzeptieren sollte. Er hat stattdessen einfach sein Ding durchgezogen. Das mag banal klingen. Aber jeder, der einmal einen Fuß in das Minenfeld Musikindustrie gesetzt hat, weiß, dass das in Wahrheit maximal besonders ist. Mit KitschKrieg hat Trettmann nun auch ein Umfeld gefunden, in dem aus Arbeit Struktur werden kann, aus kreativem Irrsinn ein greifbares Produkt. “Nur noch mit der Fam, machen alles selber” heißt es auf “#DIY”: die Beats, die Bilder, das Business. Damit ist im Grunde alles gesagt. Trettmann braucht nicht mehr als sein Kush und seine Crew, um ganz selbstverständlich kleine Hits und überlebensgroße Hymnen raus zu ballern – mit allen Brüchen und Besonderheiten, die seine Biografie unweigerlich mit sich bringt.

Trettmann ist aufgewachsen in der Fritz-Heckert-Siedlung im heutigen Chemnitz. Einst war die Siedlung das zweitgrößte Neubaugebiet der DDR: ein Ort, der für Fortschritt und Wohlstand stand, der seinen Bewohnern sozialen Status und Komfort bieten sollte. Mit der Wende änderte sich diese Sichtweise so schnell wie drastisch. Quasi über Nacht blätterte der Putz von den Häuserfronten. Mit den neuen Möglichkeiten kamen neuen Götzen, neue Scharlatane, neue Probleme. Es regierte jetzt das Geld und Geld war keines da. Die Platte, mit ihrer Fernwärme und ihrem Versprechen von Zukunft, war plötzlich ein Symbol der Hoffnungslosigkeit. Die Platte, das war da, wo man weg wollte. Ganz weit weg.

 

 

Das Wendekind Trettmann hat diese Geschichte aufgeschrieben in dem Song “Grauer Beton”. Er wolle nicht “auf dem Ossi-Ding rumreiten”, sagt er, aber das sei so eben noch nie erzählt worden. Dabei ist es die Geschichte von Millionen. Man kann Deutschland im Herbst 2017 im Grunde nicht verstehen ohne sie. Sido, der gebürtige Ostberliner, der sich lange schwer tat mit seiner Biografie, hat “Grauer Beton” den Song des Jahres genannt. Trettmann war ein Teenager, als die Mauer fiel. Während um ihn herum Freunde und Bekannte abstürzten, entdeckte er die Musik als seinen persönlichen Fluchtweg. Schon als Kind konnte er wegen der günstigen Höhenlage des Heckertgebiets im Westradio die neuesten R&B- und Disco-Hits hören; später erwischten ihn Rap und Breakdance. In den frühen Neunzigern kamen dann Reggae und Dancehall aus Jamaika hinzu. Er begann, Partys zu veranstalten, zog nach Leipzig, um sein eigenes Soundsystem zu starten und schließlich auf Deutsch zu singen, so flüssig und selbstverständlich und ganz und gar unpeinlich, wie es sonst niemandem gelingen wollte in dieser Szene. Er war alleine dort, und vielleicht stieß er genau deshalb ans sprichwörtliche Glasdach seines Genres. Irgendwann hatte Trettmann keinen Bock mehr auf Beulen unterm Basecap.

 

Es ist eine feine Ironie des Schicksal, dass Dancehall heute, da Trettmann längst seine eigene Welt geschaffen hat, den Takt für den globalen Streaming-Pop vorgibt und auch in Deutschland die Schulhöfe regiert. Wenn dieser Tage Plastikpalmen mit Platin überzogen werden und halb Premiumboxenschland zum Bashment bläst, liegt das auch an Trettmann. Bonez und Raf, die den aktuellen Hype in Deutschland etablierten, haben das stets betont und gewürdigt. Ehrensache also, dass sie auf “#DIY” zum -Dreikönigstreffen vorbeischauen. “GottSeiDank” ist eine Hymne auf das gute Leben: das eigene, aber auch das aller anderen, denen unsere Gesellschaft üblicherweise nicht viel übrig lässt. Dancehall war immer eine Musik des Volkes, Entertainment, Eskapismus und Erbauung zugleich. Seine drei prominentesten Vertreter zelebrieren diese Tradition stilecht mit Drink in der Hand, Purspliff im Mundwinkel und dem Übervater der Dancehall, Shabba Ranks, auf dem Ohr. Passend dazu flippen KitschKrieg den Riddim des Klassikers “Dem Bow”, der heute die rhythmische Grundlage für geschätzte 90% aller afro-karibischen Tanzmusik bildet. Das kann man als feine Note für Nerds und Connaisseure lesen, aber durchaus auch als persönliches Statement: Mit “#DIY” schließt sich ein Kreis, für alle Beteiligten.

 

 

KitschKrieg haben ihren kreativen Prozess einmal so beschrieben: Wenn die Aufgabenstellung im Kopf einmal klar ist, produziert sich die Musik quasi von selbst. Das ist eine bemerkenswerte Herangehensweise und umso relevanter im Kontext von “#DIY”. Was muss so ein gefühltes Debüt leisten, wenn es davor auch ohne echtes Album schon ziemlich passabel lief? Ja, was kann ein Album überhaupt noch wert sein, wenn jeder seine Lieblingslieder ohnehin so hören kann, wie es ihm gerade in den Kram passt? KitschKrieg und Trettmann haben diese Frage sehr konsequent für sich beantwortet. “#DIY” ist eine Übung in Fokussierung. Waren die “KitschKrieg”-EPs meist noch unmittelbare Reflexionen der aktuellen Lebensumstände, verdichtet “#DIY” auf knapp 40 Minuten all die Einflüsse und Erlebnisse, die Trettmann über die Jahre geprägt haben. Die Stücke sind definitiver, zeitloser, vielleicht auch erwachsener. Zehn Songs, kein Gramm zu viel, aber auch keines zu wenig. Jeder Beat hat Bedeutung, jede Zeile eine Geschichte, jedes Feature seinen Grund. “#DIY” ist der dickste denkbare Summenstrich unter dem, was war, und zeigt gleichzeitig in die Zukunft. Die Zukunft eines echten Künstlers, der seinen Weg gefunden hat.

Es geht auf “#DIY” um den Tod und um das Leben, um letzte Nacht und um die Schönheit des Morgen. Man hört die Soul- und R&B-Platten aus Trettmanns Kindheit. Man hört die Attitüde und den Swing der Dancehall, auch den Hip-Hop, der ihm als Jugendlicher eine Identität gab – hier in seiner zeitgenössischen Ausprägung mit purpurfarbenen Melodien und charakteristischen 808-Kicks direkt aus dem Kreuzberger Laptop-Labor von KitschKrieg. Es gibt die grellen Turnup-Momente wie die Putzlicht-Hymne “Nur noch einen” mit Haiyti und Joey Bargeld aus der erweiterten KitschKrieg-Familie. Es gibt die Stargäste wie Marteria oder Gzuz. Aber es gibt auch lupenreine Balladen, wie man sie in Deutschland sonst allzu gerne kampflos den Schmalznudeln aus dem Schlagerland überlässt. Trettmann hat sich nie gescheut vor aufrichtigen Emotionen, auch das hat er von seinen Helden in Übersee gelernt. Man kann ihn nicht vollends begreifen, wenn man nicht den Bluessänger in ihm sieht; diese leise Melancholie, die er selbst in seinen euphorischsten Momenten nicht ablegt. Die Ecken und Kanten und sonstigen Unförmigkeiten der deutschen Sprache hat er dabei nie weggeschmirgelt. Er hat ihnen einfach ihre ganz eigene Poesie gegeben.

 

 

Es gibt diesen heimlichen Schlüsselmoment auf “#DIY”. Trettmann zitiert darin die große Billie Holiday, nach der auch das Lied benannt ist, aus dem die Zeile stammt: “Gib mir einen Song, den ich fühlen kann.” Es ist in vielerlei Hinsicht der archetypische Tretti-Tune, mit seinen Verweisen auf den afro-amerikanischen Kulturschatz, den großen Bilder und dem Motiv des ewigen Aufbruchs. Es ist die Sorte Song, die einem die Tränen in die Augen zu treiben vermag, ohne dass man so recht wüsste, ob man nun traurig ist oder einfach nur einen kurzen Augenblick lang vollkommen glücklich.

Zum Abschluss des Albums geht es noch einmal um ein Ende. Nur wenige Tage vor Abgabe des Albums gab es in der Familie einen tragischen Todesfall. Trettmann nahm die Trauer zum Anlass, sich in einem Song mit diesem Thema auseinandersetzen, das die seltsame Eigenschaft mit sich bringt, die normalste und gleichzeitig die grausamste Sache der Welt zu sein. Es ist eine sehr persönliche Geschichte, die hier erzählt wird, Zeile für Zeile der Realität entnommen. Trettmann aber erzählt sie so, dass jeder etwas darin finden kann – und sei es nur das unbestimmte Gefühl, dass nach einem Ende immer auch ein Anfang kommt. Denn das tut es. Ganz sicher.