Jede Stimme zählt? Nope. Momentan zählt nur die von Haiyti aka Robbery. Innerhalb nur weniger Monate hat die Hamburgerin die Deutschrap-Welt einmal komplett auf links gezogen. So viel Energie, so viel Attitüde, so viele heimliche Hits hat niemand, Real Rap. Nun erscheint ihre neue EP mit dem Produzententeam KitschKrieg.

 

Auf dem Cover von Deutschlands bestem Popmagazin, Das Wetter. Features mit Trettmann, Frauenarzt und Juicy Gay. Untergrundhymnen wie “City Tarif” oder “WKM$N$HG (Remix)”. Die Hamburgerin Haiyti ist das Chefgirl der Stunde. Sie hat die gegenwärtige Nenn-es-nicht- Trap-Bewegung in Deutschland mitgeprägt und sprengt gleichzeitig deren Rahmen. Sie erzählt Geschichten aus dem echten Leben und zeichnet verschwommene Bilder von surrealer Schönheit. Sie gibt keinen Fick und transportiert damit mehr Emotion und Empathie, als es all die Befindlichkeitsrapper ihrer Generation jemals könnten.

Für “Toxic” macht Haiyti nun gemeinsame Sache mit dem Kreuzberger KitschKrieg-Kollektiv. Die Gang um FIJI KRIS, Fizzle und °awhodat° leitete schon die erstaunliche Wandlung von Trettmann zum futuristischen Flashpop-Troubadour an. Gemeinsam mit Haiyti biegen sie sich die Welt nun erneut zurecht, wide-wide-wie sie ihnen gefällt. In den sechs Tracks stecken Three 6 Mafia und verballerter Trap, Nina Hagen und Extraneue Deutsche Welle, die Haltung von Punk, die Perspektive der Hood und Bässe aus einer dystopischen Dancehall.

Mit der gegenwärtigen Welle austauschbarer Turnup-Trolle jedenfalls hat Haiyti nichts gemein. Klar, sie weiß, wie Party geht. Aber ihr Horizont und ihr Talent reichen weit über die nächste Gönnung hinaus. “Toxic” zeigt ihr ganzes Potenzial als Instinkt-Songwriterin. Sechs Tracks, sechs Hits. Und sechs kleine Mysterien, die allen Schlaumeiern die Deutungshoheit über Haiytis Schaffen entziehen, Line für Line.

Da ist die erste Soundcloud-Single “Akku”, die klingt wie ein überbelichteter Sommertag im Park, aufgekratzt und melancholisch zugleich. Da ist “1 Messer”, in dem sich all die grellen Zwischentöne zwischen Rausch und Runter spiegeln. Und da ist “Zeitboy”, ein apokalyptisches Liebeslied mit dem mysteriösen Joey Bargeld, maskiert als gefälliger Eurotrap: “Was interessiert uns die Zukunft? Gar nix!”

Auf “Träne” schließlich stellt Haiyti endgültig klar, dass sie ganz alleine nur sich selbst gehören will. “Nur einer kann mich richten und er sieht, wie ich weine”, singt sie in der Hook, und in diesem Moment – auf unergründliche Weise tieftraurig und dennoch voller Stolz – scheint alles herauszubrechen, was Haiytis Kunst unterschwellig immer auszeichnet. Die trotzige, scheinbar strukturlose Schönheit ihrer Worte. Das Tiefgründige, das keine Deepness-Phrasen aus dem Deutschrap-Baukasten braucht. Ihre unbedingte Weigerung, sich den Regeln anderer zu unterwerfen. Ihr Blick für die andere Seite der Nacht.

Die Welt glitzert. Aber Haiytis Tränen auch. Alles ist vergiftet. Aber soll keiner sagen, diese Frau hätte euch nicht gewarnt.